Aktionen auf dem U-Bahnhof Alexanderplatz von 1958-1990

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Das Friedensplakat der DDR

„Der Frieden ist das Glück der Völker“ (UdSSR zur Weltausstellung 1958 Brüssel)
Die ersten Kunstwettbewerbe auf dem U-Bahnhof Alexanderplatz

Plakat Artur Lipsch

Artur Lipsch, 1958

Im Jahr 1958 rief die Sektion Gebrauchsgraphik des Verbandes Bildender Künstler Deutschland (VBKD) alle Graphiker der DDR auf, Plakate für den Frieden zu entwerfen. Die daraus ausgewählten Entwürfe wurden in vergrößerter Reproduktion unter dem Titel „Frieden der Welt“ ab November 1958 auf den Hintergleisflächen des U-Bahnhofs Alexanderplatz, Bahnsteig D (U8), ausgestellt. Unter demselben Titel folgte eine weitere Aktion 1959, diesmal mit internationaler Beteiligung. Die Jury des VBKD wählte von den 140 eingereichten Entwürfen aus vierzehn Ländern 48 für die Vergrößerung aus. Es beteiligten sich Künstler aus beiden Teilen Deutschlands, Frankreich, Ungarn, Rumänien, Albanien, Japan, Belgien, China, Polen, Vietnam, Finnland, der Sowjetunion, der Tschechoslowakei und der Schweiz. Die Plakate aus diesem Wettbewerb wurden ebenfalls auf dem U-Bahnhof Alexanderplatz und zeitlich versetzt auf drei weiteren U-Bahnhöfen gezeigt. Die Vergrößerung der Plakatentwürfe für beide Aktionen auf das Format der sonst für Werbung vorgesehenen Flächen mit den Maßen 187 x 377 cm übernahm die Deutsche Werbe- und Anzeigengesellschaft (DEWAG). Die Idee und Initiative beider Wettbewerbe ist Klaus Wittkugel zuzuschreiben, der als einer der angesehensten Gebrauchsgraphiker der DDR galt.

Der Presse zufolge hatte die Ausstellung von 1958 große Resonanz im Ausland.
Vermutlich hingen die Plakate bis Ende 1960 bzw. Anfang 1961. Warum die Wettbewerbe „Frieden der Welt“ nicht fortgeführt wurden, ist nicht mehr zu klären. Einen weiteren Plakatwettbewerb auf dem U-Bahnhof Alexanderplatz hat es bis 1982 tatsächlich nicht mehr gegeben.

Die Plakate

Plakat Dieter Lehmann

Dieter Lehmann, 1958

Bei den Wettbewerben „Frieden der Welt“ handelte es sich um politische Plakate der Kategorie Friedensplakat. Das Friedensplakat erlangte seinen entscheidenden und anhaltenden Durchbruch nach dem Zweiten Weltkrieg. Die internationalen Friedensorganisationen, -Initiativen, -Kongresse etc. unterschiedlichster politischer Gesinnung als Auftraggeber trugen unter anderem dazu bei, dass die Friedensplakate eine abstrakte, aber universell gebräuchliche Symbolsprache aufwiesen.

Die Hauptbotschaften der Plakate auf dem U-Bahnhof Alexanderplatz waren die atomare Kriegsbedrohung durch die USA (Kapitalismus), der Krieg allgemein und die friedliche (sozialistische) Zukunft. Auffällig ist, dass jegliche Anspielungen auf den Faschismus oder das Hitlerregime ausgespart wurden.

Auf den U-Bahnplakaten von 1958 und 1959 ist das Motiv der Taube das am meisten benutzte Symbol und wurde vielfach variiert. Ihre bekannteste Bedeutung als Friedensbotin geht auf die christliche Ikonographie zurück. In der Plakatgestaltung machten sie John Heartfield und Pablo Picasso zu einem eindringlichen Friedenssymbol. Heartfield durchbohrte die Taube 1932 mit einem Schwert in einer Fotomontage und variierte diese Darstellung mehrfach bis zu seinem Plakat 1960 „Niemals wieder“ (Abb.). Picasso gestaltete sie für die Plakate zum ‚Weltkongress der Kämpfer für den Frieden‘ 1949 in Paris und 1950 in London (Abb.). Somit erlangte die Taube als Symbol des Friedens schnelle internationale Verbreitung. Sie wurde auch als Motiv für das Plakat der ‚III. Weltfestspiele der Jugend und Studenten für den Frieden‘ in Berlin, DDR, 1951 übernommen.

Plakat GünterSchmitz

GŁnter Schmitz, 1958

Bei den Friedensplakaten von 1958 und 1959 fällt allerdings die seltene Verwendung der Fotomontage auf. Dies begründet sich in der Anfang der 50er Jahre in der DDR aufgekommenen Realismus-Formalismus-Debatte. Künstler wie Georg Grosz und John Heartfield, die in den 20er und 30er Jahren die populärsten Vertreter der Fotomontage waren und der DADA-Bewegung entstammten, galten als Monteure und gerieten nach Gründung der DDR unter dem Vorwurf, formalistisch oder bürgerlich zu sein, ausdrücklich in Verruf. So gab es nach dem Krieg keine direkte Fortsetzung der Technik der Fotomontage in der DDR-Kunst. Obwohl John Heartfield 1957 endlich als Künstler mit einer ersten umfassenden Ausstellung in der DDR rehabilitiert wurde, blieb die Fotomontage in der Friedensaktion 1958 noch die Ausnahme.

Kinder und Mütter mit Kindern sind weitere häufig benutzte Bildmotive. Vorrangig wurde die Darstellung von Kindern als Symbol für (positive) Zukunft und Völkerfreundschaft verwendet. Das Skelett oder der Totenschädel symbolisieren Sterben, Tod und Todesdrohung. In den Friedensplakaten von 1958 und 1959 wurden sie in direktem Zusammenhang mit Atom, Atomwaffen oder dem Atompilz kombiniert. Das Bild der zerstörten Stadt ist ebenfalls eines der Hauptmotive in den Friedensplakaten, das als Silhouette oder durch Fotos in die Plakate integriert wurde.

Text Constanze Musterer


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