Aktionen auf dem U-Bahnhof Alexanderplatz von 1958-1990

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Die ersten Kunstwettbewerbe Frieden der Welt - 1958 und 1959

Plakat Stefan Szmidt

Stefan Szmidt, 1959

Unter dem Titel „Frieden der Welt“ wurden 1958 erstmals die sonst der kommerziellen Werbung vorbehaltenen Werbegroßflächen des U-Bahnhofs Alexanderplatz für eine Plakataktion genutzt, die auf einen Aufruf des Verbandes Bildender Künstler zurückging. Der Verband hatte an alle Künstler appelliert, Bildwerke gegen eine heraufkommende Kriegsgefahr zu schaffen.

Hintergrund waren die sich verschärfenden politischen Spannungen zwischen Ost und West und die gescheiterten Bemühungen um einen Volksentscheid, die Gebiete der BRD und der DDR als atomwaffenfreie Zonen zu sichern.

Nach Gründung der Bundeswehr in der Bundesrepublik Deutschland 1955 und nach Ablösung der kasernierten Volkspolizei durch die Gründung der Nationalen Volksarmee in der DDR 1956 und dem fast gleichzeitigen Eintreten der beiden deutschen Staaten in die Militärbündnisse NATO und Warschauer Pakt, war die Hoffnung auf eine Wiedervereinigung in weitere Ferne gerückt. Stattdessen wuchs der propagandistische Schlagabtausch zwischen Ost und West.

Plakat Almaru Lipa

Almaru Lipa, 1959

Gleich nach Kriegende hatte sich die internationale Friedensbewegung formiert und sich mit dem Medium Plakat Aufmerksamkeit verschafft. Ihr populärstes Symbol, die Taube – von Picasso 1949 als Plakatmotiv für den 1. Weltfriedenskongress gezeichnet – blieb wiederholt aufgegriffenes Motiv.

Während man sich im Osten zwischen 1946 und 1955 propagandistisch vorwiegend auf die Themen Aufbau und Sieg des Sozialismus, Steigerung der Produktivität und Stärkung der Regierungspolitik gegen Antikommunismus des Westens konzentrierte, waren im Westen Marshall-Plan, Antikommunismus, Heimkehr aus der Kriegsgefangenschaft Propagandathemen. Seit Beginn der 50er Jahre mehrten sich hier aber auch Stimmen gegen Wiederaufrüstung – häufig im Zusammenhang mit Parteienwerbung.

Mit Gründung der kasernierten Volkspolizei in der DDR wurden gezielt Werbekampagnen gestartet, um Jugendliche für die Verteidigung des Sozialismus zu werben. Die Remilitarisierung in West und Ost hatte die Fronten des Kalten Krieges verhärtet. Das Streben der Bundeswehr nach atomarer Aufrüstung im Spannungsfeld der Atommächte USA und UdSSR weckte Ängste vor einem atomaren Krieg in breiten Bevölkerungsteilen in Ost wie West.

Plakat Klaus Wittkugel

Klaus Wittkugel, 1958

Die im September 1958 eröffnete 4.Deutsche Kunstausstellung zeigte eine Reihe von Arbeiten, die im Ergebnis des Aufrufes „Frieden der Welt“ entstanden waren. Zum ersten Mal kamen auch die angewandten Künste zu Wort. Unter den Gebrauchsgraphikern waren etliche dem Appell des Verbandes Bildender Künstler gefolgt. Aus 70 eingereichten Plakatentwürfen zum Thema „Frieden der Welt“ hatte die Jury 26 ausgewählt. Die ursprünglich von Klaus Wittkugel beabsichtigte Präsentation in einem Zusammenhang, der angewandte Graphik als öffentliches Medium betont,konnte nicht verwirklicht werden. Stattdessen blieb die Ausstellung der Gebrauchsgraphik unbefriedigend und löste Kritik aus. Gleichzeitig wuchs der Wunsch nach einer größeren Öffentlichkeit, insbesondere für die gezeigten Friedensplakate. So wurden alle 26 nur als Entwurf vorhandenen Arbeiten als Großformate gedruckt und in einer bis dahin einmaligen Aktion auf den Werbeflächen der U-Bahn am Alexanderplatz gezeigt. Diese Aktion erfuhr ihre internationale Erweiterung im Herbst 1959, als der Aufruf seitens der Gebrauchsgraphiker erneuert wurde. Der 1. September 1959 war vom Weltfriedenskomitee zum ersten Mal zum Kampftag gegen die Gefahr eines neuen Weltkrieges ausgerufen worden. Am 7. Oktober feierte die DDR den 10. Jahrestag ihrer Gründung. Mit dieser Plakataktion konnte sich die DDR einmal mehr – diesmal mit internationaler Unterstützung – als Staat des Friedens darstellen. Aus 140 Einsendungen wurden 48 ausgewählt. Sie ergänzten nun in der zweiten Ausstellung die bereits zum Aushang gebrachten ersten Plakate und waren in Gedichten des tschechischen Lyrikers Jiri Taufer kommentiert. Neben den Linien E und D am Alexanderplatz waren nun die Bahnhöfe Magdalenenstraße, Jannowitzbrücke und Stadtmitte einbezogen. Die Plakate setzten teilweise die ohnehin geführte Polemik gegen die Bundesrepublik und die USA fort. Andererseits überwog jedoch eher ein Ton, der allgemein gegen atomare Bedrohung gerichtet und Ausdruck von Friedenssehnsucht war.

Plakat Andre Francois

André François, 1959

„Hier an den Schnittpunkten des Verkehrs zwischen Ost und West, wie sie nur in der geteilten deutschen Hauptstadt zu finden sind, ist es gut über Frieden zu sprechen.“ Diese schlichten Worte des Initiators Klaus Wittkugel trafen, was erreicht werden sollte: Im Klima schärfster politischer Polemik vor den noch wachen Erfahrungen des letzten Krieges eine klare Botschaft für den Frieden zu vermitteln.

Die Graphiker bedienten sich einer allgemeinverständlichen Symbolsprache, in der Tod und Leben gegenübergestellt wurden, friedliche und kriegerische Nutzung der Kernenergie, Aufbau und Zerstörung und immer wieder die Taube in Verbindung mit dem Erdball. Diese, heute teils zu Stereotypen verkommenen Symbole, hatten 1958 und 1959 noch ihre ursprüngliche Kraft. Die künstlerische Qualität der Plakate blieb sehr unterschiedlich. Zu den bis heute eindrücklichsten

Leistungen, die Plakatgeschichte geschrieben haben, zählen die Arbeiten von Klaus Wittkugel (DDR), Wolfgang Schlosser (CSSR), Adam Cziglenyi (Ungarn), Tibor Zala (Ungarn), Sandor Ernyei (Ungarn), Vaclav Seveik (CSSR), Günther Gnauck (DDR), Hans Liebert, Dieter Lehmann, Walter Kosak (DDR), Fleischmannova-Novotna (CSSR), Franz Ashiku (Albanien) und Hiroshi Ohchi (Japan).

Text Anita Kühnel


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