Aktionen auf dem U-Bahnhof Alexanderplatz 1982

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Interview mit Prof. Rudolf Grüttner („Gebrauchsgrafiker“) am 29.04.2006

Als langjähriger Vorsitzender der Sektion Gebrauchsgrafik und Dozent der Kunsthochschule Berlin - Weissensee, dessen Rektor sie von 1988 - 1990 waren, hatten Sie Einblick in die internen Machtverhältnisse und die Situation des Plakatschaffens der DDR. Die Initiative zur erneuten Bespielung des U-Bahnhofs Alexanderplatz ging von der Kunsthochschule Berlin- Weissensee aus. Wie kann man sich das vorstellen?

Auf einer Vollversammlung 1981 stand der Architekturstudent Stefan Weiß auf und meinte, wir sollten uns an die Friedensplakate von Prof. Wittkugel 1958 auf dem Alex erinnern und schlug vor, das Projekt neu zu beleben.

Was war in jener Zeit auf dem Bahnhof zu sehen?

Kommerzielle Werbung gab es ja in dem heutigen Sinne in einer Mangelgesellschaft nicht. Dennoch hingen dort ab und zu Plakate zur Produktwerbung oder zur politischen Agitation, die gestalterisch gleich Null waren. Dies war der Anreiz für uns, genau dort gestalterisch tätig zu werden, und der Vorschlag wurde begeistert aufgenommen. Der Rektor der Schule, Prof. Walter Womacka, delegierte die Aufgabe an mich als Dozent für Plakatgestaltung. Wir aktivierten die anderen Hochschulen, sich an dem Wettbewerb zu beteiligen.
Wir hatten dann etwa 250 Entwürfe im Foyer der Hochschule ausgestellt. Und das war schon ein Problem, denn wir zeigten erstmalig eine juryfreie Ausstellung. Am liebsten hätte man sie geschlossen, aber wir konnten durchsetzen, dass sie drei Wochen zu sehen war. Dafür bekamen wir aber immer wieder „Besuch“, und wir hatten endlose Diskussionen.

Welche Ängste hatten die Funktionäre, und welche Vorwürfe machten sie Ihnen?

Es ging hauptsächlich um den Pazifismusverdacht: Es sollte vermieden werden, den Frieden an sich, also wertfrei darzustellen. Das Friedensplakat hatte eine klare Botschaft zu vermitteln. Auf der einen Seite der Sozialismus, insbesondere die Sowjetunion als Friedensbewahrerin, und auf der anderen Seite der Imperialismus mit dem Aggressor USA.

War Professor Wittkugel noch an der Schule tätig?

Nein, er war damals schon emeritiert, aber ich kannte ihn von Begegnungen im Verband her. 1974 wurde ich zum Vorsitzenden der Sektion Gebrauchsgrafik im VBK gewählt. Auf dem Verbandskongress in Karl-Marx-Stadt hielt ich eine Brandrede gegen den Zustand des politischen Plakats. Ich habe gesagt, dass das alles aus der Mottenkiste der Plakatkunst stammt, und dass wir eine künstlerische Erneuerung brauchen. Und das alles im Beisein von Politbüro-Mitglied Kurt Hager.

War der Kongress für Sie ein Anlass, das Ansehen und das Niveau der Gebrauchsgrafik anzuheben?

Ja, das war immer mein Interesse. Ich war Reformer seit meiner Studentenzeit. Ich war immer politisch engagiert. Meine erste Aktion, gemeinsam mit Gleichgesinnten, war eine kleine Revolution, bei der ich mir so viel Ärger eingehandelt habe, dass ich danach sechs Jahre lang den Mund gehalten habe. Aber alle sechs Jahre hatte ich genug und habe wieder etwas angezettelt. Das zweite mal war ich Chefgrafiker der Zeitschrift „Freie Welt“, und der Zustand des politischen Plakats wurmte mich mächtig, vor allem: Wir hatten die Leute, die das besser konnten. Wir hatten sie ausgebildet.
Ich selber hätte als Sohn einer armen schlesischen Familie nie studieren können. Eine gewisse Dankbarkeit empfinde ich noch heute, dass ich in der DDR studieren konnte. Und genau das habe ich benutzt, um denen, die das zu verantworten hatten, zu sagen: „Ihr lasst die Leute ausbilden und nehmt aber jeden Mist. Das ist das letzte, womit man irgend jemanden hinterm Ofen vorlocken kann.“

Wer gestaltete denn damals die Plakate, die DEWAG?

Die DEWAG dilettierte auch, aber es waren noch viel schlimmere Leute zugange. Die kannte man kaum, die waren fast anonym. Dazu erzähle ich Ihnen eine Geschichte. Etwa 1972 wurde ich als Sektionsvorsitzender von Paul Verner, dem ersten Sekretär der Bezirksparteileitung der SED und Mitglied des Politbüros, zu einem Gerichtsverfahren als Gutachter zum Thema Gebrauchsgrafik eingeladen. Es lief ein Verfahren gegen einen Menschen, der 200.000 DDR-Mark Steuern in drei Jahren hinterzogen hatte. Ich hatte mir ausgerechnet, was das bedeutet. Damals war ich schon freiberuflich tätig. Ich selbst habe zwölf Stunden am Tag an Theaterplakaten für Dresden gearbeitet. Und wenn ich im Jahr auf 30.000 Mark Verdienst gekommen bin, dann war ich ganz glücklich. Also konnte ich mir ausrechnen, was der verdient haben musste. Und dann kam ich zu folgendem Schluss: Dieser Mensch, den niemand unter den Kollegen kannte, und der auch nicht Verbandsmitglied war, dem hatte das Ministerium für Kultur auf Geheiß von Politbüro-Mitglied Paul Verner eine Zulassung gegeben. Der machte die gesamte politische Agitation für die Bezirksleitung der SED, und das war 'unterste Schublade'.

Welche Bedeutung hatte diese Begegnung im Gericht für Sie?

Dazu möchte ich auf ein Ereignis von 1970 zurückgreifen. Damals wurde durch das Ministerium für Kultur der DDR angewiesen, alle Mitglieder der Sektion Gebrauchsgrafik durch die Leitungsebenen des Verbandes auf ihre Zulassung als freischaffend Tätige hin zu überprüfen. Das war eine Riesenaktion, bei der ich auch wieder rebellisch war. Ich sagte, wir führen hier nicht monatelang eine Prüfung durch, ohne dass die Leute Arbeiten vorlegen. Wir hatten allein in Berlin 600 Gebrauchsgrafiker im Verband. Ich wollte, dass jeder zehn Arbeiten mitbringen sollte. Ich konnte mich leider nicht durchsetzen und wurde durch Paul Verner nach persönlicher Vorladung zurückgepfiffen.

Aber wie konnte das passieren, gab es damals noch keine Verbandskanditatur?

Doch, aber jener Mann ist eben durch die Zulassung vom Ministerium an die Aufträge gekommen.
Wir haben uns also die Frechheit erlaubt, auch die bereits Zugelassenen einzuladen. Denn wir wollten ja einen Überblick haben und nicht einfach Erfüllungsgehilfen der Partei sein. Und das fiel mir schwer auf die Füße. Paul Verner verlangte von mir, ich solle unterschreiben, und er hatte das auch aus seiner Sicht begründet. Ich habe ihn dann gezwungen, mir zwei Stunden zu zuhören – wo ich eigentlich herkomme; was ich alles studiert hatte; drei Berufsabschlüsse, die ich für meine Lehrtätigkeit als Gebrauchsgrafiker an der Hochschule mitbrachte. Und dass ich mich weigerte zu unterschreiben, damit dieser Pfusch endlich beendet wird, und dass wir von 600 Grafikern mindestens 200 hätten, die das besser könnten. Und wenn sie keine Qualität wollten, dann müssten sie entscheiden, was sie damit machen. Ich würde das nicht unterschreiben! Ich habe ihm dann anhand von Plakaten, die ihm gefielen, erläutert, warum sie gut waren: Ich habe über Komposition, Inhalt, Ausstrahlung, über die Arbeit mit dem Foto etc. geredet. Ich habe ihm das alles ganz freundlich gezeigt, und er hat mir zugehört. Er hat mich dann mit den Worten entlassen, dass er viel von mir gelernt hätte. Ich wusste, dass ich ihm das nicht glauben musste. Und dieser von der Bezirksleitung beauftragte „Mitarbeiter“ hat trotzdem die Zulassung erhalten.
Drei Jahre später traf ich ihn bei jenem Gerichtsverfahren, er hatte wirklich hohe Preise für die Bezirksleitung gemacht, und das war natürlich eine Genugtuung für mich.

Waren die Gebrauchsgrafiker damals politischer als die anderen Künstler?

In gewisser Weise ja, denn das Plakat an sich ist ja schon agitatorisch angelegt. Aber bei den Plakatschaffenden war die Wut besonders groß darüber, mit solch einem „Dreck“ konfrontiert zu werden. Die Verweigerungshaltung gegenüber Aufträgen für politische Plakate war stark entwickelt. Ich habe viele politische Plakate gemacht und in meinem ganzen DDR-Leben ist es mir nur dreimal gelungen, ein zentrales politisches Plakat wirklich durchzubringen. Zum Beispiel die „1.Mai-Plakate“: Die sahen ja immer besonders scheußlich aus. Zu dem Thema konnte man aber doch etwas machen! Aber ich habe leider immer wieder dasselbe erlebt. Zum Beispiel wurde mir gleich bei meinem ersten Maiplakat mitgeteilt, dass das Politbüro und der Bundesvorstand des FDGB (Freier Deutscher Gewerkschaftsbund) dem Entwurf zugestimmt hätten, und dass es in einer Auflage von 2,5 Millionen gedruckt werden sollte. Das war schon was! Doch dann kam das “aber“. Dies und das sollte geändert werden. Ich habe eine Nacht darüber geschlafen, und dann rief mich der damalige Verlagsleiter des Tribüne-Verlags an und teilte mir nochmals freudig mit, dass das Plakat angenommen worden sei. Das war die typische Haltung der älteren Subalternen nach oben. Ich teilte ihm mit, dass ich das Plakat nicht korrigieren wollte, denn dann würde sich die ganze Komposition verändern und sie müssten sich ihr Maiplakat dann besser selber machen. Er war fassungslos. Ich wusste, wenn ich anständig bleiben wollte, sollte ich kein Honorar verlangen. Doch in diesem Fall gab es eine überraschende Wende: Eine Woche später bekam ich einen Anruf und da hieß es plötzlich, das Plakat würde so gedruckt, wie ich es vorgeschlagen hatte.
Man musste nicht alles „fressen“ in der DDR. Aber wenn man es nicht wollte, musste man auch bereit sein, auf etwas zu verzichten.

Aber eigentlich ist es doch normal, dass der Auftraggeber nicht immer auf den ersten Anhieb mit dem Resultat des Gebrauchsgrafikers einverstanden ist.

Das ist dann völlig normal, wenn eine Kommunikation stattfindet und jeder bereit ist, dem anderen zuzuhören. Aber nicht auf diese Weise – es war bei politischen Plakaten die Norm, dass die Kommunikation nur einseitig stattfand. Denn als Sektionsvorsitzende bekamen wir im Verband immer wieder die Anfragen, zu Parteitagen, Jahrestagen und anderen Gelegenheiten politische Plakate abzuliefern. Wir wussten schon, dass nur wenige dazu Lust hatten, und wir haben uns damit gerettet, indem wir Wettbewerbe ausschrieben. Ich habe mich da weniger als Künstler beteiligt, sondern musste ab den 70er Jahren die Wettbewerbe organisieren.
Ich erinnere mich noch an einen grotesken Fall, als ich 1980 vor dem Politbüro die Entwürfe des Plakatwettbewerbs des Verbandes zum 10. Parteitag der SED vorstellen musste. Eine sehr engagierte Jury hatte ca. 400 Entwürfe begutachtet, und wir haben uns mächtig gestritten. Das war nicht die Parteigruppe, sondern es waren die besten Leute, die kein Blatt vor den Mund genommen haben. Wir haben also gemeinsam den ersten, zweiten und dritten Preis nach langen Debatten ausgewählt. Wir hatten die Ausjurierten auf einen Haufen und die Preisträger auf einen anderen gelegt. Und was musste ich erleben, als ich zum Politbüro ging? Da hatte man die Abgelehnten - schön aufgezogen - vorne aufgehängt und unsere Preisträger hingen ganz hinten. Erich Honecker rauschte auf mich zu, und ich hatte das Wort. Ich bin erst gar nicht auf die anderen Vorschläge eingegangen, sondern habe sachlich berichtet, warum wir die drei Preisträger ausgewählt hatten. Honecker hat es zur Kenntnis genommen und sagte zu dem entsprechenden Abteilungsleiter: „Na, dann druckt das doch mal.“ Aber gedruckt wurden dann doch die anderen.

Das Interview führte Barbara Rüth


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