Aktionen auf dem U-Bahnhof Alexanderplatz von 1958-1990

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Politische Situation ab 1986

Ab 1985 ist mit den Originalplakaten auf dem U-Bahnhof Alexanderplatz eine neue Form der Selbstdarstellung der DDR auszumachen. Die Veränderungen der politischen Problemlage, die sich verstärkt nach innen konzentrierte, äußerten sich in den politischen Plakaten durch Verweise auf die historischen Errungenschaften der DDR. Die vorrangige Thematisierung von Kultur und Stadtleben war für die Selbstdarstellung der Regierung der DDR ein gelungenes Mittel zur Ablenkung von politischen Problemen und Missständen. Sie fungierten gleichzeitig als eine Form der Werbung für die DDR, indem die gegenwärtigen Werte der Freizeitgestaltung als Resultat der Gründung der DDR suggeriert wurden.

Im Vorlauf zur 750-Jahr-Feier Berlins erfolgten entscheidende restriktive Maßnahmen gegenüber Künstlern gerade im Bereich des Plakatschaffens. Der Umlauf von kritischen Äußerungen, Fragen oder Meinungen in Wort und Bild wurde so weitestgehend verhindert. Bei den Originalplakaten auf dem U-Bahnhof Alexanderplatz wurde 1987 anscheinend bewusst auf politische Äußerungen verzichtet bzw. diese nur äußerst subtil eingebracht. Ebenso scheint das Weglassen historischer Bezüge zur Stadtgeschichte Berlins ein bewusstes Ausblenden der Zeit vor der Gründung der DDR gewesen zu sein. Der Schwerpunkt Kultur präsentierte die Vielfalt an Möglichkeiten innerhalb der Stadt und suggerierte in farbenfroher dekorativer Gesamtwirkung eine positive problemlose Gegenwart. Einige Originalplakate fungierten augenscheinlich als Berlin-Reklame. Ein anderer Teil verwies auf das kulturelle Interesse der Bevölkerung und damit auf ein vorhandenes Bildungsniveau. Insgesamt vermittelte der Wettbewerb ein Bild von Berlin als Stadt der vielen Möglichkeiten, ganz unabhängig von der politisch-wirtschaftlichen Lage.

Mit den künstlerischen Wettbewerben 1982 bis 1987 auf dem U-Bahnhof Alexanderplatz verlagerte sich die Selbstdarstellung der DDR von dem Anspruch, das Land des Friedens zu sein über das Bild einer mobilen Freizeitgesellschaft, resultierend aus eigenen historischen Verdiensten, hin zu einer „Kulturnation“. Sie trafen in ungewohnter Weise auf den Alltag der Menschen und stellten insofern in der Entwicklung einen visuell-ästhetischen Demokratisierungsprozess dar.

Text Constanze Musterer


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