Aktionen auf dem U-Bahnhof Alexanderplatz von 1958-1990

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Kunst und Literatur für den Frieden - 1988

Das Private wird öffentlich

Plakat Veronika Wagner

Veronika Wagner, 1988

Ende 1987 wurden neue Konditionen für das Projektverfahren festgelegt. Die  Abteilung ‚Kultur‘ des Magistrats war nun für die Finanzierung zuständig und das BfK - Büro für architekturgebundene Kunst alleiniger Träger. Neue Ideen und künstlerische Ansprüche für das U-Bahnprojekt und das Wettbewerbsverfahren wurden formuliert, die 1988 nochmals konkretisiert wurden. Die Mitglieder der AG ‚Stadtbild’ stellten weiterhin die Jury. Die von ihr ausgewählten Entwürfe wurden vom Zentralvorstand des VBK bestätigt und von ihm mit der Empfehlung zur Genehmigung an den Magistrat weitergegeben. Dieser entschied in interner Absprache mit der Bezirksleitung der SED, welche Entwürfe zur Hängung genehmigt werden sollten.

Ab 1988 kollidierten die Interessen der AG ‚Stadtbild‘ und des Magistrats zunehmend. Der Magistrat war der Meinung: „Die U-Bahn ist kein Ort der Kritik – wir wollen keine Werbung für Christentum – Pazifismus lehnen wir ab – Freund und Feind dürfen nicht vermischt werden – die Umwandlung von Panzern in Bagger entfällt“ (NGBK, 1993, Teil 1987/88).

Plakat Juergen Nagel

Juergen Nagel, 1988

Die Hintergleiswerbeflächen des Bahnsteigs der Linie A auf dem U-Bahnhof Alexanderplatz sind ab 1988 auffällig anders gestaltet als in den Jahren zuvor. Ausschlaggebend hierfür war die Umstrukturierung innerhalb der AG ‚Stadtbild‘, in die zunehmend Künstler aus unterschiedlichen Gattungen hinzukamen, und die das U-Bahnprojekt für neue Formen künstlerischer Präsentation nutzen wollten. Die Bildende Kunst sollte von nun an im Vordergrund stehen, was sich bereits im Titel des Wettbewerbs „Kunst und Literatur für den Frieden“ manifestierte. Die ideelle Motivation war dabei die Abschaffung der Zensur, der Wunsch, Entscheidungen endlich selbst treffen zu können und so eine bisher nicht geltende Demokratie zu verwirklichen.

Das erste modifizierte Projekt wurde als eine gemeinschaftliche Aktion von der AG ‚Stadtbild‘ und dem Schriftstellerverband initiiert. Dem Aufruf zum Wettbewerb folgten 50-60 Entwürfe. Nach der Übertragung der Entwürfe durch die Künstlerinnen und Künstler im Großatelier Buch konnten die neuen Flächen am 6.8.1988 auf dem Bahnsteig der Linie A des U-Bahnhofs Alexanderplatz der Öffentlichkeit präsentiert werden.

Die Flächen

Plakat Anneliese Ernst

Anneliese Ernst, 1988

Die Gleichstellung von Malerei und Graphik bei dem Wettbewerb „Kunst und Literatur für den Frieden“ war ein entscheidender progressiver Wandel im Rahmen der gesamten Projekte auf dem U-Bahnhof Alexanderplatz, aber auch in der Gestaltung von öffentlichen Räumen in der DDR. In ihrer zumeist abstrahierten Form, die den Raum und Gegenstand noch assoziativ erkennen lassen, spiegelt sich in der Malerei die allgemeine Kunstströmung der so genannten ‚Berliner Malschule‘ in der DDR zu dieser Zeit wider. Allerdings war diese nur in Ausstellungen oder Galerien zu sehen und nicht, wie hier erstmalig, in einem öffentlichen Raum. Zu den vorherigen Wettbewerben ist eine Veränderung im Bereich der Fotografie festzustellen: Die Menschendarstellungen in der Aktion 1988 zeigen nicht mehr Persönlichkeiten mit der inhärenten Funktion des Vorbildes, sondern in privater Erinnerung, Alltags- und Freizeitsituationen. Einige Originalplakate ab 1985 thematisierten bereits andeutungsweise private Lebensbereiche und zeigten vereinzelt persönliche Sichtweisen. Beides wurde 1988 gestalterisch und inhaltlich zum eigentlichen Thema, in dem man in gewisser Weise das Private öffentlich machte: Die Werke zeigen künstlerisch umgesetzte Interpretationen von zumeist literarischen Texten, die die Künstler eigens hierfür auswählten. Eigene Sichtweisen wurden also durch einen Text transportiert, der oft in einen individuellen bildlichen Zusammenhang gebracht und an ein Publikum weitergegeben wurde.

Plakat Joseph W. Huber

Joseph W. Huber, 1988

Insgesamt kann daher die Aktion „Kunst und Literatur für den Frieden“ als erster wirklicher Kunstwettbewerb auf dem U-Bahnhof Alexanderplatz angesehen werden. Die Werke in ihrer Gesamtheit lassen die gestellte Thematik erkennen, ohne dabei eine agitatorische oder dekorative Position einzunehmen.

Die alleinige Verwendung von Texten in den Arbeiten wurde vom Magistrat äußerst misstrauisch betrachtet, denn Worte waren eindeutiger als Bilder. Der Wettbewerb „Kunst und Literatur für den Frieden“ war von daher ein geschicktes Einführungsprojekt für die erste Durchsetzung einer selbst bestimmten künstlerischen Vermittlung. Die individuellen politischen Äußerungen wurden mit der Literatur poetisch, diese wiederum mit bildlichen Darstellungen ästhetisch gerechtfertigt.

Text Constanze Musterer


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