Aktionen auf dem U-Bahnhof Alexanderplatz von 1958-1990

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Denken an Revolution - 1989

Plakat Eckhard Koenig

Eckhard Koenig, 1989

Die AG ‚Stadtbild‘ bemühte sich durch die Entwicklung eines neuen Verfahrens, die Gefahr der Endzensur noch weiter zu verringern. Unter anderem wurde eine aktive Teilnahme an den Diskussionsprozessen von Vertretern des Magistrats, der SED Bezirksleitung und der Bezirksleitung des VBK angestrebt. Intern erfolgte eine Umbildung in die AG ‚Stadtbilder‘, deren Mitglieder inzwischen aus unterschiedlichen künstlerischen Disziplinen stammten. Die Jury bildete sich diesmal aus allen beteiligten Künstlern, die nach einem bestimmten Punktesystem in mehreren Durchgängen die Auswahl der zu realisierenden Arbeiten vornahm.

In Vereinbarung mit dem Magistrat lautete der neue Titel für das Projekt auf dem U-Bahnhof Alexanderplatz „Denken an Revolution“, bezogen auf den 200. Jahrestag der Französischen Revolution. Im April 1989 erfolgte der Aufruf zum Wettbewerb, an dem sich 54 Künstler mit ca. 70 Entwürfen beteiligten. Im Juli 1989 wurden die jurierten und vom Bezirksvorstand des VBK bestätigten Entwürfe dem Stadtrat für Kultur beim Magistrat zwecks abschließender Bewilligung übergeben. Bis Anfang Oktober erfolgte keine Stellungnahme seitens des Magistrats, obwohl die Ausstellung bereits im September 1989 eröffnet werden sollte. Am 13.10.1989 wurden schließlich zum ersten Mal in der Geschichte des U-Bahnprojekts alle Entwürfe mit der Begründung abgelehnt: „... die politische Aussage in ihrer Gesamtheit ermöglicht nicht diese Kollektion an diesem Platz – zu dieser Zeit. Es würden Reibungsflächen entstehen, die wir, also der Stadtrat, im Moment nicht brauchen. ... was auf dem Tisch liegt ist sehr aktuell. Das Kompromissangebot lautet: Ausstellung der Entwürfe in einer Galerie für ein geübtes Publikum und Bezahlung aller Entwürfe als wären sie ausgeführt worden.“ (Schreiben der AG ‚Stadtbild‘ vom 22.10.1989).

Plakat Hans Bock-Ottfried Zielke

Hans Bock-Ottfried Zielke, 1989

Durch die politischen Veränderungen, insbesondere der Ablösung Erich Honeckers durch Egon Krenz als Erster Staatssekretär der SED am 18.10.89, und nach Intervention der AG ‚Stadtbilder‘ wurde die Realisierung aller 32 Flächen letztendlich am 26.10.1989 genehmigt. Die Eröffnung der Ausstellung „Denken an Revolution“ erfolgte am 14.12.1989 auf dem U-Bahnhof Alexanderplatz.

Die Flächen

Die große Anzahl der reinen Schrifttafeln des Wettbewerbs „Denken an Revolution“ bezeugte ein offensives Gegenübertreten zur Zensur und spiegelte, neben dem gewachsenen Selbstverständnis der Künstler, die bereits zugespitzte politische Lage wider. Im Gegensatz zum Wettbewerb „Kunst und Literatur für den Frieden“ erschlossen sich die meisten Arbeiten dem Betrachter relativ schnell, da die Textzeilen kürzer und schlagkräftiger formuliert waren. Die Kunstflächen insgesamt vermittelten eine Dynamik, die den Ereignissen dieser Zeit entsprach, und insbesondere durch dominante Schriftzüge, oft Zitate, sowie eine starke Farbigkeit erreicht wurde. Die individuellen Handschriften der Künstler gaben Anregungen für Assoziationen und Interpretationen.

Plakat Karla Sachse

Karla Sachse, 1989

Die Wettbewerbe 1988 und 1989 zeigen in der Geschichte der Projekte auf dem U-Bahnhof Alexanderplatz einen künstlerischen Emanzipationsprozess, der sowohl inhaltlich als auch gestalterisch deutlich wird. Es findet eine individuelle Umsetzung der Themen statt, bei der die persönlichen Belange der Künstler den Inhalt bilden. Die Titel bzw. Themenstellungen sind breiter gefasst und verlieren ihren repräsentativen Charakter, indem sie sich nicht mehr auf propagierte Teilinhalte der Politik beziehen.

Text Constanze Musterer


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